Sonntag, 12. Februar 2017

Meine Gedanken am Sonntag #1: Perfektionismus bei Hobbys am Beispiel meiner Harfe

Als Kind und auch mittlerweile jetzt wieder verstärkt, habe ich sehr gerne gesungen. Leider konnte mich meine Mutter nicht dazu überreden, ein Instrument zu erlernen- schon damals war ich manchmal stur wie ein Esel. Als Teil meines Grundschullehramtstudiums habe ich dann irgendwann "etwas" Musik studiert und musste dann ein Instrument auch bei Prüfungen zumindest auf niedrigem Niveau beherrschen. Ich entschied mich aus praktischen Gründen für die Gitarre. Leider empfand ich das Üben und den Unterricht oft als lästig und unter Druck setzend. Als ich dann das erste Mal Musik an einer einer Schule unterrichtete, änderte sich das nach einigen Wochen Scheu schlagartig.

Mittlerweile kann ich zwar immernoch keine Barrégriffe, kann aber doch ganz passabel Lieder begleiten und dazu singen. Das Wichtigste dabei: Es macht mir Spaß und ich spiele auch als Hobby gerne, ohne Druck "besser" werden zu müssen.
Vor 1,2 Jahren hatte ich dann im Rahmen einer kleinen Seminarfahrt dann die Möglichkeit, die Harfe einer Seminarleiterin auszuprobieren und das sehr genossen! Schon als Kind hat mich das Instrument fasziniert, weil ich es immer mit Feen, Elben und Fantasiewelten assoziert habe. Ich berichtete meinen Eltern ganz begesitert von diesem Erlebnis.


Die waren so angetan von der Vorstellung von mir als Harfenmädchen, dass sie - erst einmal still und heimlich - beschlossen, mir zu Weihnachten (was damals in wenigen Monaten vor der Tür stand) eine Harfe zu schenken. Damit ich mir mein Wunschmodell aussuchen konnte, weihten sie mich in ihren Plan ein und ich war und bin immer noch sehr glücklich mit meiner Harfe.
Da mir der Musikunterricht an der Uni gar nicht gefallen hat, beschloß ich mir mit einigen Lehrbüchern selbst das Spielen beizubringen. Mittlerweile habe ich die Harfe etwas länger als ein Jahr und spiele meisterlich...natürlich nicht!


Klar wollte ich gerne komplizierte Stücke beidhändig und möglichst mit Gesang begleitet spielen können, dennoch hatte ich ja mit meinem Prüfungsjahr und jetzt mit dem ersten Jahr als "fertige" Lehrerin in einer ganz anderen Stadt mit Umzug etc. einiges zu tun. Am Anfang wollte ich regelmäßig üben, am besten täglich.
Schnell merkte ich dann aber, dass mich das stresste, genau wie damals, als ich immer wieder ein Gitarrenstück für meinen Lehrer üben müsste. Nach einiger Zeit merkte ich dann, dass ich in eine ehrgeizige Perfektionismusfalle geraten war. Während ich mich für die Arbeit anstrengte und daher die benötigte Leistung erbringen konnte, hatte ich aus einem Hobby ebenfalls einen Leistungsbereich gemacht.
Heute nicht geübt? Wie undiszipliniert, so wirst du doch kein Stück besser! 
Nur ein neues Stück im Monat? Und dafür musstest du eine Harfe haben!


Ich begann schließlich umzudenken.  Ich singe gerne in der Schule, aber am liebsten alleine im Auto, wenn ich so singen kann, wie es mir Spaß macht- gerade wenn mal ein Ton danebenliegt, kann ich darüber lachen. Ich spiele Gitarre, wenn mir danach ist und ohne mir vorzunehmen, die kompliziertesten Begleitungen aus Youtube-Tutorials zu lernen.
Habe ich das Gefühl, in den Bereichen meiner Hobbys überprüft und bewertet zu werden, nur weil ich das von Schule, Studium und schließlich als Lehrerin in der Schule so gewohnt bin? Und muss dann sein?


Ich beschloß, Ehrgeiz und Perfektionismus durch Freude am Spielen und Fortschrtitten zu ersetzen, egal wie klein und langsam diese waren. Meine Freizeitbeschäftigung wirklich Freizeitbeschäftigung sein zu lassen. Ohne Druck, den in diesen Fällen nur ich selbst mir machen kann.
Schließlich pflegt Wikipedia, die Lieblingsauskunft aller Studenten zu sagen, äh zu schreiben: "Ein Hobby (deutscher Plural: Hobbys) ist eine Freizeitbeschäftigung, die der Ausübende freiwillig und regelmäßig betreibt, die dem eigenen Vergnügen oder der Entspannung dient und zum eigenen Selbstbild beiträgt, also einen Teil seiner Identität darstellt."



Meine Harfe steht nun bei meinen Eltern, da mir unter der Woche bis jetzt noch die Muse zum Spielen fehlt und ich auch berufsbedingt dann eher zur Gitarre greife. Am Wochenende aber spiele ich jetzt jeden Tag, einfach weil es mir Freude macht. Meistens spiele ich die wenigen, einfachen Stücke, die mir so Spaß machen, v.a. weil ich sie langsam fast im Schlaf kann. Ich liebe es, das Gewicht und das Holz meiner Harfe zu spüren und die beruhigende, aber für mich auch so bezaubernde Wirkung der Töne dieses Instrumens zu hören.
Ab und zu wage ich mich an ein neues Stück, dann aber mit Neugier und Entdeckerfreude. Bis ich es ebenfalls beherrsche.
Ich könnte besser spielen. Schwierigere Stücke spielen. Mehr Stücke können. Aber nun bin ich ehrgeizig darin geworden, diesem und vielen anderen Hobbys ohne unnötigen Ehrgeiz zu folgen. Tschüss Perfketionismus und Leistungsdruck, hallo Freude an meinen Freizeitbeschäftigungen! 
Ich spiele dann mal schnell "Twinkle, Twinkle little star..."